Hinter vielen großen künstlerischen Ideen verbergen sich
technische Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt: Christos Reichstag
sollte mit einem silbrig schimmernden Gewebe verhüllt werden, das Regen,
Wind und Sonne für mehrere Wochen standhalten musste. Die Entwürfe der
iranischen Architektin Zaha Hadid haben schon so manchen Ingenieur zur
Verzweiflung getrieben, der den Beton wellenförmig oder in Kurven zu
gießen hatte.
In Münster ist ab Mitte Juni offiziell eine Idee des belgischen Künstlers
Guillaume Bijl zu bestaunen:
Gleich neben dem Freilichtmuseum Mühlenhof und dem Allwetterzoo ist
im Rahmen der renommierten Skulpturen Projekte eine archäologische
Grabungssituation zu sehen. Direkt neben dem Aasee, wo natürliches und
touristisches Umfeld unmittelbar verwoben sind, ragt ein gut vier Meter
hoher Kirchturm
aus dem Boden, das Dach von einem Wetterhahn gekrönt; in der
Grube erkennt man die Schichten, durch die sich die Forscher
buddeln mussten. Doch eigentlich blickt der Betrachter nur auf die
Täuschung eines Grabungsprojekts, inszeniert von dem 60-jährigen Belgier.
Der Kirchturm ist nur wenige Monate alt, gebaut von einem Schreiner des
Landesmuseums; Spritzbeton imitiert die verschiedenen Erdschichten
in die Tiefe; Rollrasen begrünt den Rand. "Guillaume Bijl bedient
unsere Schaulust und enttäuscht sie zugleich", erklärt die Kuratorin
Carina Plath. Folgerichtig heißen die Projekte von Bijl auch
"Sorry-Installations" - so als wolle der Künstler sagen: Entschuldigung,
ich habe Sie nur an der Nase herumgeführt.
Doch nicht anders als bei Christo und Hadid: Bevor die Idee des
Künstlers Wirklichkeit werden kann, beugen sich Ingenieure und Baufirmen
über Pläne, berechnen Statistiker die Möglichkeiten. Denn nicht nur
der Kirchturm muss passgenau in die Grube hinein - vom Boden der
Aussichtsplattform fallen die Böschungsränder ca. fünfeinhalb Meter
tief und steil hinab. "Wir hatten hier einen Böschungswinkel von
ca. 70 Grad", so Dipl.-Ing. Andreas Elsing, Produkt- und
Marketingmanager der Firma HUESKER, die die statischen Berechnungen
durchführte und zudem die Bewehrungsgitter herstellt.
Mit natürlichen Böden lassen sich solch steile Böschungswinkel
nicht realisieren. Zum Vergleich: In Sand-/Kiesböden hat man es mit
einem Reibungswinkel von ca. 35 Grad zu tun - und das ist schon ein
hoher Wert. Hätte man also einfach nur einen Hügel um das
"Kirchturm-Loch" aufgeschüttet, er wäre wieder weggerutscht.
"Wir haben daher die Böschung mit einem so genannten Geogitter bewehrt,
um das Bauwerk statisch stabil zu machen", erklärt Elsing. Geogitter
bestehen aus flexiblem Polyester, das zu einem Gitter gewebt und
anschließend mit einer Schutzummantelung versehen wird, um es
vor scharfen Steinen oder Baggerspitzen zu schützen. Das hier
eingesetzte Produkt Fortrac® ist ein flexibles, extrem
belastbares Geogitter, das lagenweise zwischen die Erdschichten
eingebaut wird, so dass die Erde nicht mehr ins Rutschen geraten
kann.
Die Firma HUESKER Synthetic in Gescher hat als Hersteller von
Geokunststoffen bereits jahrzehntelange Erfahrungen. Geogitter
kommen im Erd- und Grundbau zum Einsatz, wenn z.B. steile Wände,
Brückenwiderlager oder Lärmschutzwälle errichtet werden. Auch im
Bahnbau und Straßenbau finden Geokunststoffe regelmäßig Anwendung,
z.B zur Stabilisierung des Untergrundes. Dass man nun dem belgischen
Künstler Bijl mit dem eigenen Know-How helfen konnte, darüber
freut sich das HUESKER-Team. "Zumal wir üblicherweise nur von
einer oder zwei Seiten bauen müssen - hier aber gleich von vier",
so Elsing. Das Projekt am Aasee sei deshalb zwar nur ein kleines
gewesen - "aber technisch war es sehr anspruchsvoll". Künstlerisch
sowieso. Und so was kriegen selbst erfahrene Ingenieure nicht
alle Tage auf den Schreibtisch.
Foto: HUESKER Synthetic / D-Gescher

Abb. 1:
Lagenweiser Aufbau der Böschung mit dem Geogitter Fortrac®
Grafik: HUESKER Synthetic / D-Gescher

Randdetail:
Randdetail Böschungsbereich: Umlaufentwässerung mit Sickerleitung
und Schroppen - "geschlossene" Bauweise.
Grafik: Ingenieurgesellschaft COPLAN AG
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